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Der C70-Schlüssel

Ich kam sehr frühzeitig mit dem Zug an und beschloss deshalb, vom Bahnhof zu Fuß zur Zentrale zu gehen. Aber ich war sehr früh aufgestanden und hatte mir angesichts der Eile nicht die angemessene Zeit für meine morgendliche Sitzung auf dem Klo genommen. Solche Sitzungen wollen mit großer Regelmäßigkeit, mit Ruhe und Konzentration durchgeführt werden, und hieran hatte ich es an diesem Morgen ermangeln lassen.

Dies wurde mir nach etwa 10 Minuten des Fußmarsches bewusst, denn ich verspürte zunehmenden Druck im Unterleib. Als ich nach 20 Minuten die Zentrale durch das Hauptportal betrat, stand dort der Leiter der Vertriebsabteilung Süd, Herr Herzog, und begrüßte mich kollegial korrekt aber etwas unsicher mit „Guten Morgen, Herr Feldmann“ und ich sagte gleichzeitig „Guten Morgen, Herr Schwarz“. Während einer dem anderen erklärte, dass er weder Feldmann noch Schwarz heiße, wuchs der Druck weiter, so dass ich nach genügendem Austausch von Höflichkeiten und wechselseitiger Vorstellung nur noch stammelte: „Wo ist hier die nächste Toilette?“

Er sagte mir, ich solle am Zimmer 201, wo unsere Besprechung stattfinden würde, vorbei, den Flur hinunter und dann rechts gehen. Ich eilte also zum Zimmer 201, warf dort meinen Aktenkoffer und meinen Mantel hinein und hastete dann den Flur hinunter, aber da war keine Toilette und nach rechts konnte ich dort auch nicht gehen. In meiner Not probierte ich die letzte Tür des Ganges rechts, eine graue Metalltür ohne Türschild und atmete auf, als sie sich öffnen ließ und mir den Weg auf einen weiteren, nach rechts führenden Flur freigab. Weiter ging die hastige Suche und nach wenigen Türen fand ich ein verheißungsvolles „D“ und dann die rettende Tür mit dem „H“.

Nach langer und ertragreicher Sitzung machte ich mich erleichtert, aber noch deutlich benommen auf den Rückweg. Da ich zuvor aber so gehetzt war, wusste ich zunächst nicht, aus welcher Richtung ich gekommen war. Ich probierte eine, die aber offenbar die falsche war. Also ging ich zurück und kam an eine Tür ohne Türschild, deren graue Farbe mir bekannt vorkam. Da war aber keine Klinke, sondern nur ein Knauf, der sich nicht drehen ließ. Aber das war wohl schon die Tür, durch die ich herein gekommen war. Ich probierte die nächste Tür. Ebenfalls grau und ebenfalls ohne Türschild, aber zumindest mit Türklinke. Aber diese Tür war verschlossen. Sehr irritiert beschloss ich, nochmals am anderen Ende des Flurs nachzusehen. Unterwegs begegnete mir ein beamtenmäßig aussehender Mann und ich sprach ihn an:

Entschuldigen Sie. Ich komme aus dem Zimmer 201 und finde nicht mehr dorthin zurück. Könnten Sie mir weiterhelfen?“.

Er musterte mich lange und sagte dann:

Zimmer 201, das ist bei der Müssig AG.“

Ich weiß“, sagte ich. „Ich bin fremd hier und habe nur mal eben Ihre Toilette benutzt.“

Wieder sah er mich an, - jetzt schon ein Bisschen verächtlich – und sagte dann ebenfalls: „Ich weiß“.

Zimmer 201?! Können Sie mir sagen, wie ich dort hinkomme?“

Jetzt blickte er ein Wenig freundlicher und dachte nach.

Da brauchen Sie einen C70-Schlüssel. So was hab ich aber nicht.“

Aha“ sagte ich, ohne verstanden zu haben, was der Beamte meinte. „Und wo gibt es einen solchen C70-Schlüssel?“

Wieder dachte er nach und meinte dann, den gebe es bei der Müssig AG.

Ja und wo sind wir jetzt?“ fragte ich in der Hoffnung, jetzt gleich aus einem bösen Traum aufzuwachen, worauf er meinte: „In der Vollstreckungsabteilung“.

Es stellte sich dann heraus, dass ich in an das Finanzamt untervermieteten und von dessen Vollstreckungsabteilung genutzten Räumen gelandet war und dass von dort eine Rückkehr nicht vorgesehen ist. Auf Umwegen durch den Hinterausgang gelang es mir schließlich nach draußen zu kommen. Dann umrundete ich das Gebäude, um es schließlich durch das Hauptportal der Müssig AG wieder zu betreten. Mein Kollege aus unserer Vertretung in Offenburg, der bis vor einigen Monaten in der Zentrale gearbeitet hatte und dem ich den Anfang meiner Odysee erzählte, wartete das Ende der Geschichte gar nicht erst ab, sondern machte mich gleich nach der Beschreibung jener grauen Tür mit bedeutungsschwangerem Gesicht darauf aufmerksam, dass ich da aber einen C70-Schlüssel gebraucht hätte. Jetzt weiß ich, dass es ein Fehler war, vor einiger Zeit meiner Versetzung in die Zentrale widersprochen zu haben, denn ich gehöre zu den Mitarbeitern der Müssig AG, die nie in den Besitz eines C70-Schlüssels gelangen werden und fast hätte ich nie erfahren, was das ist und welch überragende Bedeutung so ein Teil für die Arbeit in unserem Betrieb hat.

11.8.09 18:41

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