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Der Inder

Der Inder, schon deutlich über fünfzig und damit um Jahrzehnte älter als die meisten anderen Asylbewerber, war in den Jahren 1978 bis 1980 in Deutschland. Dann kam Indira Gandhi wieder an die Regierung, und er kehrte in die Heimat zurück. In den folgenden Jahren besuchte er drei mal für einige Tage seine Mutter und seine Schwestern in England. Im übrigen arbeitete er in seiner Werkstatt, wo er Motorroller reparierte. Eines Tages kamen die Polizisten, nahmen ihn mit und warfen ihm vor, für Terroristen Reparaturen ausgeführt zu haben. Eine Woche lang hielten sie ihn fest, schlugen ihn, und dann liessen sie ihn wieder gehen. Aber so richtig gehen konnte er seit damals nicht mehr. Dann kamen sie immer wieder, nahmen ihn mit, ließen ihn einige Stunden lang in einer Zelle sitzen, beschimpften und bespuckten ihn, schlugen ihn aber nicht. Am Ende leerten sie jeweils seine Taschen und behielten die paar Rupiens, die er, als „wohlhabender” Mann, immer bei sich hatte.


"Wenn zehn Leute vor einem stehen, einen beschimpfen und beleidigen, dann müssen sie nicht mehr zuschlagen."


Der Inder kämpft mit den Tränen. Er will vor dem jungen Mann in der schwarzen Robe nicht weinen und fasst sich.


Irgendwann zwischen der vierten und der achten Festnahme erinnerte er sich an Deutschland, und als er erkannte, dass die Angst in seiner Heimat nicht mehr von ihm weichen würde, gab er den Schleppern ein Vermögen und flog nach Warschau, von wo der Zug nach Deutschland abfährt.


"Aber dieses Deutschland ist nicht mehr das Land, das ich 1978 kennengelernt habe. Die Menschen hassen mich, und es ist kalt."


Dann fragt er, wer über die Sache entscheiden werde, und der Richter zeigt mit dem Daumen auf sich. Darauf verneigt sich der Inder, legt dabei seine Handflächen wie zum Gebet aufeinander und bittet, noch sechs Monate bleiben zu dürfen. In sechs Monaten werde der Polizeichef seines Heimatortes nach Kaschmir versetzt, wo es derzeit Unruhen gebe. Dann werde er nach Frankfurt gehen und nie wieder zurückkehren.

Im Hinausgehen sagt er noch, immer wenn er ein Schreiben von der Behörde oder vom Gericht bekomme, ergreife ihn Panik. Und die jungen Landsleute aus seiner Unterkunft würden ihn verspotten und fragen, warum seine Sache so schnell zu Ende gebracht werde und ob er zu dumm sei oder zu alt, um zu wissen, wie man das Verfahren hinauszögern könne.


"Immer wenn ich einen Brief vom Gericht bekomme, feiern die Parties".

11.8.09 18:44

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