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Moratorium

Er hatte sich sehr darauf konzentriert, nicht darüber verstimmt zu sein, dass dieser Urlaubstag so grau, sein Licht so diffus und der See am Fuße der Anhöhe, auf der er stand, so wenig blau war. Die Anstrengung des Konzentrierens hatte sich gelohnt. Nepomuck Kofler war es gelungen, sich in die Lage zu versetzen, die Höhenzüge am gegenüberliegenden Ufer des Sees und die dunkelgraue Wasserfläche unter sich wahrzunehmen, ohne die Landschaft wirklich zu betrachten. Und es war ihm gelungen, sich in die Lage zu versetzen, für einen Bruchteil der Ewigkeit das Gefühl in sich hervorzurufen, er könne dadurch, dass er da so stand und seine Umwelt wahrnahm, ohne sie zu betrachten, den Lauf der Zeit verlangsamen. Die Zeit auf solche Weise einmal ganz zum Stehen zu bringen, war ihm bislang aber noch nie gelungen, und das war gut so.


Als er das zunehmende Gefühl nicht mehr ignorieren konnte, dass sein Bruchteil der Ewigkeit, in dem es ihm vergönnt war, den Lauf der Zeit zu verlangsamen, seinem Ende zuging, beschloss er – touristisch korrekt -, etwas zu unternehmen, denn er wusste, dass er nicht versuchen durfte, dieses Moratorium länger auszudehnen als es ihm gegeben war. Dann würde nämlich das Unbehagen, das immer in seiner Nähe war, auch wenn es ihm nicht ständig in gleicher Weise zusetzte, gnadenlos zuschlagen. Nepomuck Kofler beschloss deshalb, sich hinunter zum See zu begeben, um auf dem Kiesweg, der von der Talsperre aus rund um den Stausee führte, einen Spaziergang zu machen.


Mit unsicheren Schritten stapfte er bis zu dem schmalen Fahrsträßchen, das in sanften Kurven hinunter zur Talsperre führte. Gut, dass ihn niemand sah, dachte er, denn der deutlich untersetzte Mann fortgeschrittenen Alters musste mit diesen neuen Inline Skates an seinen Füßen sicherlich ein skuriles Bild abgeben. Auf der Straße angekommen, brachte er die Kufen seiner Skates sogleich in Fahrtrichtung und versuchte dabei, in den Knieen locker zu bleiben, denn er hoffte, dadurch nicht sogleich bei der ersten Bewegung jäh zu stürzen. Weil die Straße sanft die Anhöhe hinabführte, rollte er von selbst los und gewann nach und nach an Geschwindigkeit, ohne dass er dabei den Eindruck gewinnen musste, er sei zu schnell. Nicht sicher war er allerdings, ob das Tempo für den Fall, dass er über eine Unebenheit fahren oder gar in ein Schlagloch geraten würde, nicht doch bereits so hoch wäre, dass es dann zwangsläufig zu einem Sturz kommen müsste. Jetzt wäre noch Zeit, das Abbremsen zu erproben. Nepomuck Kofler wusste natürlich, dass die Zylinder aus Hartgummi hinten an den Skates als Bremsen gedacht sind und er hatte auch schon oft bei jungen, gut aussehenden und aufregend körperbetont gekleideten Leuten, die mühelos, fast schwebend, auf ihren Inliners dahinglitten, gesehen, dass das funktionieren kann. Richtig vorstellen konnte er sich das gleichwohl nicht, denn wenn er die Ferse des rechten Fußes auf den Asphalt drücken würde, müsste das linke Bein doch zwangsläufig dem rechten davonfahren und was das für Folgen hätte, lag auf der Hand. Ganz vorsichtig verlagerte Nepomuck Kofler deshalb sein Gewicht auf den rechten Fuß und belastete dabei sukzessive die Ferse, bis er spürte, wie der Gummizylinder leicht über den Asphalt scheuerte. Dann verstärkte er sachte den Druck auf die Bremse und spürte, wie sich sein Tempo verringerte, ohne dass er dabei das Gleichgewicht verlohr oder gar stürzte. Als er schließlich unbeschadet zum Stehen gekommen war, war er darüber mehr erstaunt als darüber, dass es ihm zuvor gelungen war, den Lauf der Zeit zu verlangsamen.Zuversichtlich nahm Nepomuck Kofler wieder Fahrt auf, wobei er das nunmehr nicht mehr nur der Schwerkraft und dem Gefälle überließ, sondern aktiv und ausladend Bewegungen nachahmte, wie er sie bei den jungen Skatern gesehen hatte und auch das gelang, auch wenn es sicherlich noch etwas schwerfällig und seltsam aussehen musste. Auch die weiteren Bremsversuche gelangen ihm und so kam Nepomuck Kofler alsbald wohlbehalten bei der Talsperre an, ohne Blessuren und ohne außer Atem geraten zu sein.


An der Talsperre stellte sich für Nepomuck Kofler die Frage, wie er mit Inline Skates an den Füßen auf dem Kiesweg, wo das soeben erlebte Dahingleiten sicherlich nicht möglich sein würde, spazieren gehen sollte. Aber zu seiner Freude stellte er fest, dass man mit den Skates auch fast normal gehen kann, wie mit gewöhnlichen Schuhen. Eine weitere Erfahrung, die Möglichkeiten offenbarte! Gleichwohl brach Nepomuck Kofler den Spaziergang alsbald ab, denn er sah es als an der Zeit, ins Hotel zurückzukehren, wo seine Frau sicherlich schon auf ihn warten würde.


Zurück an der Talsperre hatte Nepomuck Kofler keine Bedenken mehr, mit seinen neuen Inliners elegant Schwung zu nehmen und dann rasant die Straße hinab in den Ort zu brausen. Anders als bei seinem ersten Versuch war er auf dieser Straße nicht mehr alleine. Immer wieder holte er zu einzelnen oder zu kleinen Gruppen von Skatern auf und vermochte es danach, seine Geschwindigkeit wieder zu reduzieren und sich zurückfallen zu lassen. Fast meinte er, er unterscheide sich von den anderen allenfalls noch dadurch, dass er nicht so elegante Sportkleidung trug wie sie. Er raste dahin, experimentierte mit der Geschwindigkeit und erprobte weite und enge Kurven, bis er sich doch einmal die bange Frage stellte, ob er nicht doch zu leichtsinnig und zu schnell sei und ob er nicht doch stürzen könnte, wenn plötzlich ein Schlagloch oder eine andere Unebenheit im Asphalt auftauchen würde. Aber da wurde er gewahr, dass er gar keine Inline Skates mehr an den Füßen hatte, sondern dass er offenbar in der Lage war, auf einer Art Luftkissen unter den Füßen ganz autark und allein bestimmt durch seinen Willen dahinzugleiten. Unter diesen Voraussetzungen hatte er natürlich auch keine Stürze in Folge von Schlaglöchern zu befürchten.Nach langer, erregender Abfahrt erreichte er den Ortsrand, wo ein Warnschild eine Baustelle in 200 Meter Entfernung ankündigte. Jetzt würde es sich zeigen, ob Nepomuck Kofler wirklich nichts mehr passieren konnte. Er drückte die rechte Ferse auf den Asphalt und verringerte dadurch sein Tempo auf ein vernünftiges Maß. Dann tauchte vor ihm eine Baugrube auf, worauf er noch etwas stärker bremste. Dann drehte er gekonnt eine halbe Pirouette und kam exakt mit dem Rücken zur Baustellenabsperrung zum Stehen. Jetzt war er sich sicher.


Frohen Mutes und voller Zuversicht schritt er, ohne vorher die Skates ausziehen zu müssen, denn er hatte ja keine, von der Ortsmitte die leicht ansteigende Straße hinauf zum Hotel, wo seine Frau bereits auf ihn wartete. Als er bei ihr angekommen war, schlug sie vor, noch einige Tage zu bleiben, aber Nepomuck sagte: „Jetzt ist der Urlaub zu Ende. Da hinten auf den Bergen liegt schon Schnee und wir müssen heute Nacht die Berge noch überqueren, bevor noch mehr Schnee fällt“. Dann packten sie wortlos ihr Gepäck ins Auto. Nepomuck setzte sich hinter das Steuer und als er den Schlüssel ins Zündschloss stecken wollte, fand der es nicht. Es gab auch kein Gaspedal und keine Kupplung. Statt dessen waren da zwei Pedale zum Treten, wie bei einem Fahrrad. Sie saßen in einem Tretauto und es war sehr mühevoll, dieses in Bewegung zu setzen und in Bewegung zu halten. Aber der Urlaub war zu Ende.

11.8.09 18:52

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